Salt Lake City (dpa) - Weniger als 100 Tage bis zum Beginn der XIX. Olympischen Winterspiele in Salt Lake City ist von wirklicher Vorfreude in der Gastgeber-Stadt nichts zu spüren. Mit ihrem schulmäßigen Hollywood-Lächeln versuchen die Organisatoren zwar einen gänzlich anderen Eindruck zu vermitteln, bei tief greifenderen Gesprächen jedoch erweist sich ihre strahlende Zuversicht als Maskerade.
Natürlich soll das weltgrößte Wintersportfest wie geplant vom 8. bis 24. Februar stattfinden, doch von olympischem Flair kann noch keine Rede sein. Die Angst, dass der 11. September während der Winterspiele seine Fortsetzung finden könnte, hat sich in den Köpfen vieler festgesetzt.
Dagegen helfen auch die fast täglichen Auftritte des Präsidenten des Organisationskomitees (SLOC) bislang nur partiell. Mitt Romney wird nicht müde, immer wieder gebetsmühlenartig zu erklären: „Salt Lake City wird während der Spiele die sicherste Stadt der Welt sein“.
Weit über 60 Prozent hatten sich vor wenigen Tagen bei einer TV-Umfrage in der Mormonen-Metropole gegen die Austragung der 1,3 Milliarden Dollar teuren Veranstaltung ausgesprochen. Eine Vielzahl der über eine Million Einwohner kündigte an, die Hauptstadt des US-Bundesstaates Utah während des 17-tägigen Spektakels aus Furcht zu verlassen.
First Class-Sicherheit
Dabei basieren die Sicherheits-Garantien auf dem üppigsten Sicherheitsetat (über 300 Millionen Dollar) und den umfangreichsten Sicherheits-Maßnahmen in der Geschichte der Olympischen Spiele, die noch nie in einem derartigen Hochsicherheitstrakt stattfanden. Mehr als 10.000 mit modernsten elektronischen Geräten ausgerüstete Nationalgardisten, Polizisten, Feuerwehrleute und Geheimdienstler in Uniform oder zivil werden zur Überwachung am Boden eingesetzt.
Radarflugzeuge und Hubschrauber patrouillieren den Luftraum, der während der Eröffnung und Schlussfeier sowie bei einigen Wettkämpfen gesperrt ist. F 16-Abfangjäger stehen in Alarmbereitschaft. Auf den Straßen werden Gesundheitsbeamte mit Medikamenten unterwegs sein, um bei chemisch-biologischen Anschlägen sofortige Hilfe zu leisten.
Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von Deutschland, Walther Tröger, will eine „latente Besorgnis“ nicht verleugnen. Das sei aber normal, „schließlich hat doch jeder auf der Welt Angst. Deswegen kann man aber das Leben doch jetzt nicht einfach aufgeben, sich ins Bett legen und nach zwei Jahren wieder aufstehen“.
Allerdings glaubt er auch, dass die Angst ein bisschen herbeigeredet wird. „Die Sicherheitsvorkehrungen sind nach meinem Eindruck first class“, sagte Tröger, der diese Woche als Mitglied der Koordinierungs-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zur letzten Inspektion in der Olympia-Stadt weilt.
Endgültige Entscheidung im Januar
Momentan sieht Tröger, der den organisatorischen Vorbereitungsstand als „sehr positiv“ bezeichnet, keine Veranlassung, die Spiele nicht auszutragen. „Die Entwicklung muss aber abgewartet werden. Wir stehen im ständigen Kontakt mit Salt Lake City und besprechen alles mit der Bundesregierung, bevor wir uns im Januar endgültig entscheiden“, sagte Tröger.
Von den etwa 170 deutschen Athleten, die zur Mannschaft gehören und den ersten Platz in der Medaillenwertung von Nagano verteidigen sollen, würde aber keiner zur Teilnahme gezwungen. Könnte Deutschland bei den Spielen auch fehlen? „Diese Frage ist derzeit zu hypothetisch“, entgegnete der NOK-Chef salomonisch. Rund 3600 Sportler und Offizielle aus 84 Ländern werden insgesamt erwartet.
Nichts sei mehr unmöglich, behauptete die US-Olympiasiegerin im Super G, Picabo Street. Viele amerikanische Athleten trauten sich nicht nach Übersee zu fliegen. Den Europäern könnte man es nicht verdenken, wenn sie es umgekehrt genauso machten. Schließlich befinden sich die USA im Kriegszustand. Politische Gründe haben schon viele Nationen zur Olympia-Absage veranlasst -Sicherheitsbedenken noch nie.
Es gebe absolut keinen Plan, falls die Spiele ausfallen würden, betonte IOC-Generaldirektor Francois Carrard am Montag in Salt Lake City erneut. „Nur ein dritter Weltkrieg kann die Spiele verhindern“, erklärte Romney, dessen Job sich vom finanziellen zum grundsätzlichen Retter der Spiele gewandelt hat. Dafür hat er sogar Chartermaschinen angemietet, um gegebenenfalls Sportler einzeln einfliegen zu lassen.
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